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MÄrchen zum Thema Sticken und Handarbeiten


Es war einmal ein Mädchen, Wassilissa genannt, das allein durch den Wald irrte. Irgendwann - kurz oder lang - kam es an ein kleines Haus aus Hühner beinchen. Es fürchtete sich davor, aber weil es so allein war, klopfte es an. Die Tür ging auf, und drin saß eine schöne Jungfrau und stickte an einem großen Tuch mit einem Muster aus Silber und Gold. Die Mädchen begrüßten sich herz­ lich, doch der Stickerin war das Herz schwer. »Meine liebe Schwester, ich will dich gerne beherbergen,« sagte sie, »aber meine Mutter ist die große Hexe Baba Jaga!« Wassilissa erschrak sehr; weil sie aber nicht wußte, wohin sie gehen sollte, setzte sie sich neben die Hausherrin, und sie stickten zusammen an dem großen Tuch.

Beim Handarbeiten vergeht die Zeit recht schnell, und die Jungfrau spürte, daß die Hexe kommen würde. Rasch verwandelte sie Wassilissa in eine Nadel und steckte sie in den Reisigbesen. Kaum war sie fertig, stand schon die Hexe im Zimmer. »Meine gute Tochter, hier riecht es nach russischen Knochen!« »Ach liebe Mutter, ich habe den Pilgern, die vorbeizogen, Wasser gegeben!« »Warum hast du sie nicht aufgehalten?« »Sie waren alt und zäh, liebe Mutter!« »Gib künftig besser acht!« sagte zornig die Baba Jaga und flog fort. Die Mädchen setzten sich wieder an die Handarbeit und redeten und lachten miteinander.

War's kurz - war's lang, die Baba Jaga kam zurück. Es war gerade noch Zeit ge­nug, Wassilissa im Reisigbesen zu verstecken. Und wieder glaubte die Hexe Menschenfleisch zu riechen. Die Jungfrau jedoch hatte schon eine Ausrede: »Pilger wollten die Hände wärmen. Ich lud sie ein zu bleiben, aber sie wollten nicht!« Die Baba Jaga war wütend und hungrig. Sie schalt ihre Tochter gehörig aus und flog davon.

Wassilissa und die Jungfrau stickten jetzt noch eifriger als vorher und überlegten dabei, wie sie dem Unheil entrinnen könnten. Vor lauter Eifer merkten sie nicht, wie schnell die Zeit verging, und schon stand die Hexe im Zimmer. Die Mäd­ chen erschraken sehr. »Meine gute Tochter, ich sehe russische Knochen, heiz den Ofen ein!«

Wassilissa und die Jungfrau schleppten Holz herbei und machten Feuer, daß die Flammen aus dem Ofen schlugen. »Setz dich auf die Schaufel, meine Schöne!« sagte die Hexe zu Wassilissa. Die tat, was die Hexe verlangte, machte aber die Beine so breit, daß die Hexe sie nicht durch die Ofentüre stecken konnte. Die Baba Jaga war wütend und setzte sich selbst auf die Schaufel, um ihr zu zeigen, wie sie sitzen sollte. Da ergriffen sie die beiden Mädchen und steckten sie schnell in den Ofen, verschlossen ihn mit dem Ofenblech und türmten viel Holz davor auf. Als sie fortliefen, nahmen sie nur das gestickte Tuch, einen Kamm und eine Bürste mit.

Sie liefen und liefen, und als sie sich umdrehten, war die Hexe hinter ihnen. Sie fürchteten sich sehr und warfen die Bürste nach der Hexe. Schnell wuchs daraus ein Wald von Schilf. Die Baba Jaga aber riß ihn mit ihren Krallen aus und blieb ihnen auf den Fersen. Als sie das merkten, warfen sie den Kamm hinter sich. Ein Eichenwald wuchs empor, so dicht, daß keine Fliege ihn durchdringen konnte. Die Hexe riß aber mit ihren Zähnen die Bäume aus und bahnte sich einen Weg zu den Mädchen. Die liefen und liefen, und in ihrer großen Not warfen sie jetzt das gestickte Tuch hinter sich. Ein goldenes und silbernes Flammenmeer ent­ stand daraus. Als die Baba Jaga es überfliegen wollte, stürzte sie hinein und ver­ brannte.

Die Mädchen aber gingen weiter in die Welt hinein, und jede heiratete einen Prinzen; und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute

 

Quelle: Barbara und Julia Müller



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